Einordnung statt Angst: Wird Ostfriesland im Meer versinken?
Während Extremwetterereignisse zunehmen, warnen Forschende vor wachsenden Hochwasserrisiken an der Nordseeküste. So könnte sich die Gefahr für Ostfriesland in den kommenden Jahren entwickeln.
Moin!
Aktuell ist es heiß in Deutschland. Die Sonne brennt erbarmungslos und es sind mehr als 33 Grad Celsius. Die globale Erwärmung hat die Häufigkeit extremer Wetterereignisse insbesondere in den letzten Jahrzehnten erhöht.
Das bedeutet nicht gleich den Weltuntergang. Doch die aktuellen Wetterlagen machen deutlich, welche Folgen extreme klimatische Bedingungen haben können. Sie zeigen außerdem, dass Naturgewalten seit jeher Ängste und Zukunftssorgen auslösen. Kein Wunder also, dass Vorstellungen vom Ende der Welt in vielen Kulturen und Religionen eine wichtige Rolle spielen.
Wenn wir schon einmal bei Extremereignissen und Weltuntergangsszenarien sind, lohnt sich ein Blick auf die Apokalypse und die Frage, welche Rolle Naturkatastrophen darin spielen:
Nahezu jede Religion beschäftigt sich mit der Apokalypse. Klar – wer sich mit dem Beginn aller Dinge beschäftigt, muss es auch mit dem Ende derer tun. Ein zentrales Element dieser uralten Erzählungen: gewaltige Sturmfluten und Landstriche, die unwiederbringlich im Meer versinken. Was früher als göttliche Strafe gedeutet wurde, ist heute Gegenstand nüchterner Forschung. Wie real diese Bedrohung durch steigende Meeresspiegel und extreme Wetterlagen für unsere Küsten ist, untersuchen Experten seit Jahren intensiv.
Die Frage, ob Ostfriesland im Zuge des Klimawandels untergehen wird, lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Die Wissenschaft zeigt uns jedoch sehr präzise, dass sich die Spielregeln verändern. Eine neue modellbasierte Studie von Forschenden um Dr. Helge Bormann des Projektes “Wakos” (Wasser an den Küsten Ostfrieslands), gefördert durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, hat das Binnenhochwasserrisiko an unserer Küste untersucht, die ich mit dir einmal durchgehen werde.
Küstenschutz und das eigentliche Problem: das Phänomen der kombinierten Kräfte
Bislang wurden vor allem Sturmfluten als das größte Problem beim Küstenschutz gesehen. Alle Schutzmaßnahmen ranken sich darum.
Doch die historischen Daten und Zukunftssimulationen zeigen ein anderes Bild: Die höchsten einzelnen Sturmfluten oder die extremsten Starkregenereignisse allein konnte unser Entwässerungssystem in der Vergangenheit meist gut bewältigen. Das ist die gute Nachricht.
Doch geht die Gefahr von anderer Seite aus:
Die wirkliche Überlastung der Systeme – das, was wir als Binnenhochwasser kennen – entsteht durch ein Zusammenspiel. Es sind moderate Sturmflutserien, die zeitgleich mit großflächigen, intensiven Niederschlägen auftreten.
Das Problem liegt im technischen Detail der Landschaft:
Die geografische Lage: Große Teile des 465 Quadratkilometer großen Gebiets des Emdener Wasserverbands liegen unter dem Meeresspiegel.
Das Netzwerk: Ein 1100 Kilometer langes Wasserlaufnetz leitet den Abfluss zu den Schöpfwerken Knock und Greetsiel.
Die physikalische Grenze: Bei niedrigem Meeresspiegel läuft das Wasser von alleine ab. Steigt der Meeresspiegel jedoch außerhalb des Deiches an, müssen die Pumpen anspringen. Je höher das Meer steht, desto schwerer müssen die Pumpen arbeiten – der geodätische Druck bremst ihre Leistung aus. Ab einer Förderhöhe von 3,75 Metern müssen sie sogar komplett abgeschaltet werden.
Ein Blick in die Zukunft: Was uns schlimmstenfalls bevorsteht
Es gibt natürlich nicht nur eine Prognose, wie die Zukunft aussehen kann. Deshalb gibt es mehrere Szenarien, die in der Forschung untersucht wurden.
Wenn wir also in die kommenden Jahrzehnte blicken, zeigt sich in den Klimaprojektionen ein klarer Trend: Die Temperaturen steigen, die Winter werden feuchter und der mittlere Meeresspiegel steigt unaufhaltsam an – im Worst-Case-Szenario (namens RCP8.5) um bis zu 90 Zentimeter bis zum Ende des 21. Jahrhunderts.
Das bedeutet für die Entwässerungskapazität an der Station Knock (circa 15 km nordwestlich von Emden) einen kontinuierlichen Rückgang. Kurz gesagt: Das Wasser drückt von innen nach außen, findet aber ein immer “volleres” Meer vor.
Die Anzahl der Tage, an denen das Entwässerungssystem überlastet ist, wird in allen untersuchten Klimamodellen zunehmen. Besonders das Zusammenspiel mäßiger Witterungsbedingungen im Winter wird künftig zu deutlich höheren Systemüberlastungen führen als in der Vergangenheit.
Das regionale Entwässerungssystem kann schon heute nur etwa die Hälfte des berechneten Extremvolumens aufnehmen. Ohne rechtzeitige Anpassungsmaßnahmen drohen den Ostfriesen im Hinterland regelmäßig nasse Füße und Schäden an Häusern, der Milchwirtschaft oder den Gewerbegebieten. Außerdem ist der Tourismus eine der Haupteinnahmequellen – laut einem Bericht des Landesamtes für Statistik Niedersachsen (LSN) sind es 3,64 Millionen Ankünfte und 15,93 Millionen Übernachtungen. Der Zustrom könnte durch Überschwemmungen deutlich unattraktiver werden.


